Other “Fidelio” libretti [show]
German
English
Side-by-side [show]
English

Fidelio

by Ludwig van Beethoven libretto (German Swap English)


Personen

Florestan, Gefangener (Tenor)
Leonore, seine Frau, unter dem Namen Fidelio (Sopran)
Rocco, Kerkermeister (Bass)
Marzelline, seine Tochter (Sopran)
Jaquino, Pförtner (Tenor)
Don Pizarro, Gouverneur des Staatsgefängnisses (Bariton)
Don Fernando, Minister (Bassbariton)
Erster Gefangener (Tenor)
Zweiter Gefangener (Bass)
Wachsoldaten, Gefangene, Volk (Chor)


Ouvertüre


ERSTER AKT

Der Hof des Staatsgefängnisses. Im Hintergrund das
Haupttor und eine hohe Wallmauer, über welche
Bäume hervorragen. Im geschlossenen Tor selbst ist
eine kleine Pforte, die für einzelne Fußgänger geöffnet
wird. Neben dem Tor das Stübchen des Pförtners.
Links die Wohngebäude der Gefangenen; alle Fenster
haben Gitter, und die mit Nummern bezeichneten
Türen sind mit Eisen beschlagen und mit starken
Riegeln bewehrt. In der vordersten Kulisse ist die Tür
zur Wohnung des Gefangenenwärters. Rechts stehen
von einem Geländer eingefaßte Bäume, die neben
einem Gartentor den Eingang des Schloßgartens
bezeichnen.


(Marzelline plättet Wäsche vor ihrer Tür, neben ihr
steht ein Kohlenbecken, in dem sie den Stahl wärmt.
Jaquino hält sich bei seinem Stübchen; er öffnet die
Tür mehreren Personen, die ihm Pakete übergeben,
welche er in sein Stübchen legt.)


Characters

Florestan, a prisoner (tenor)
Leonore, his wife, disguised as a man under the alias Fidelio (soprano)
Rocco, the jailer (bass)
Marzelline, his daughter (soprano)
Jaquino, assistant to Rocco (tenor)
Don Pizarro, governor of the prison (baritone)
Don Fernando, King’s minister (baritone)
Two prisoners (tenor and bass)
Soldiers, prisoners, townspeople


Overture


ACT ONE

The courtyard of the state prison. In the background the
main gate and a high wall with ramparts over which
trees are visible. In the gate itself, which is shut, there is
a little wicket which is opened for occasional visitors on
foot. Near the gate is the porter’s lodge. The wings on
the left represent the prisoners’ cells; all the windows
are barred and the doors, which are numbered, are rein-
forced with iron and shuttered with heavy bolts. In the
forwardmost wing is the door to the gaoler’s quarters.
On the right there are trees protected by iron railings,
and these, with a garden gate, show the entrance to the
castle gardens.



(Marzelline is ironing laundry in front of her door; at her
side is a brazier on which she warms the iron. Jaquino
stands close to his lodge; he opens the door to various
people who hand parcels to him which he puts in his
lodge.)



Nr.1: Duett

JAQUINO (verliebt sich die Hände reibend)
Jetzt, Schätzchen, jetzt sind wir allein,
wir können vertraulich nun plaudern.

MARZELLINE (ihre Arbeit fortsetzend)
Es wird wohl nichts Wichtiges sein,
ich darf bei der Arbeit nicht zaudern.

JAQUINO
Ein Wörtchen, du Trotzige, du!

MARZELLINE
So sprich nur, ich höre ja zu.

JAQUINO
Wenn du mir nicht freundlicher blickest,
so bring’ ich kein Wörtchen hervor.

MARZELLINE
Wenn du dich nicht in mich schickest,
verstopf’ ich mir vollends das Ohr.
So hab’ ich denn nimmermehr Ruh’,
so rede, so rede nur zu.

JAQUINO
Ein Weilchen nur höre mir zu,
dann laß ich dich wieder in Ruh’.
Ich – ich habe –
ich habe zum
Weib dich gewählet, verstehst du?

MARZELLINE
Das ist ja doch klar.

JAQUINO
Und wenn mir dein Jawort nicht fehlet,
was meinst du?

MARZELLINE
So sind wir ein Paar.

JAQUINO
Wir könnten in wenigen Wochen ...

MARZELLINE
Recht schön, du bestimmst schon die Zeit!

JAQUINO

No.1: Duet

JAQUINO (ardently rubbing his hands)
Now, sweetheart, now we are alone,
we can have a private chat.

MARZELLINE (continuing her work)
It will not be that important,
I must not linger over my work.

JAQUINO
Just a word, you stubborn girl!

MARZELLINE
Speak on then, I am listening.

JAQUINO
If you do not look more kindly at me
I won’t get a single word out.

MARZELLINE
If you do not fall in with me,
I’ll close my ears altogether.
Well then, I can never have peace,
so speak, just speak on.

JAQUINO
Listen just a moment to me,
then I’ll leave you in peace again.
I – I have –
I have chosen you
to be my wife, do you understand?

MARZELLINE
That’s clear indeed.

JAQUINO
And if your “Yes” is not lacking,
what do you think?

MARZELLINE
Then we’ll be a pair.

JAQUINO
In a few weeks we could...

MARZELLINE
Very fine, already you are naming the day!

JAQUINO
Zum Henker das ewige Pochen!
Da war ich so herrlich im Gang,
und immer entwischt mir der Fang.

MARZELLINE
So bin ich doch endlich befreit!
Wie macht seine Liebe mir bang,
und wie werden die Stunden mir lang.
(Jaquino öffnet die Pforte, nimmt ein Paket ab und
legt es in sein Stübchen; unterdessen fährt Marzelline
fort.)

Ich weiß, daß der Arme sich quälet,
es tut mir so leid auch um ihn!
Fidelio hab’ ich gewählet,
ihn lieben ist süßer Gewinn.

JAQUINO (zurückkehrend)
Wo war ich? Sie sieht mich nicht an!

MARZELLINE
Da ist er – er fängt wieder an!!

JAQUINO
Wann wirst du das Jawort mir geben?
Es könnte ja heute noch sein.

MARZELLINE (beiseite)
O weh! Er verbittert mein Leben!
(zu Jaquino)
Jetzt, morgen und immer nein, nein!

JAQUINO
Du bist doch wahrhaftig von Stein,
kein Wünschen, kein Bitten geht ein.

MARZELLINE (für sich)
Ich muß ja so hart mit ihm sein,
er hofft bei dem mindesten Schein.

JAQUINO
So wirst du dich nimmer bekehren?
Was meinst du?
The Deuce take that endless knocking!
There I was, nicely started
and always the prey escapes me!

MARZELLINE
At last I am set free!
How anxious his love makes me feel,
and how long the hours are!
(Jaquino opens the wicket, takes a parcel and places it
in his lodge; meanwhile Marzelline works on.)


I know the poor fellow is suffering
and I’m sorry for him.
Fidelio I have chosen;
to love him is a sweet prize.

JAQUINO (comes back)
Where was I? She’s not looking at me.

MARZELLINE
There he is – he’s starting again!

JAQUINO
When will you say yes?
It could well be today.

MARZELLINE (aside)
Alas, he embitters my life!
(to Jaquino)
Now, tomorrow and forever, no, no!

JAQUINO
Truly you are made of stone,
no wish, no plea can move you.

MARZELLINE (to herself)
I must be hard with him,
he hopes at the smallest sign.

JAQUINO
Then will you never change your mind?
What do you think?

MARZELLINE
Du könntest nun geh’n.

JAQUINO
Wie?
Dich anzusehen, willst du mir wehren?
Auch das noch?

MARZELLINE
So bleibe hier steh’n.

JAQUINO
Du hast mir so oft doch versprochen ...

MARZELLINE
Versprochen?
Nein, das geht zu weit!

JAQUINO
Zum Henker das ewige Pochen!

MARZELLINE
So bin ich doch endlich befreit!
Das ist ein willkommener Klang,
es wurde zu Tode mir bang.

JAQUINO
Es ward ihr im Ernste schon bang,
wer weiß, ob es mir gelang.

MARZELLINE (allein)
Der arme Jaquino dauert mich beinahe. Kann ich es
aber ändern? Ich war ihm sonst recht gut, da kam
Fidelio in unser Haus und seit der Zeit ist alles in
mir und um mich verändert.


MARZELLINE
You might as well go.

JAQUINO
What?
Will you forbid me to look at you?
Even that?

MARZELLINE
Stay here then.

JAQUINO
Still, you have so often promised me...

MARZELLINE
Promised?
No, that’s going too far!

JAQUINO
The Deuce take that endless knocking!

MARZELLINE
At last I am set free!
That is a welcome sound.
I was frightened to death.

JAQUINO
She was seriously frightened,
who knows, I might have succeeded.

MARZELLINE (alone)
Poor Jaquino makes me almost sorry. I used to like
him well enough; then Fidelio came to our house, and
since that time everything in me and around me is
changed.


Nr.2: Arie

MARZELLINE
O wär’ ich schon mit dir vereint,
und dürfte Mann dich nennen!
Ein Mädchen darf ja, was es meint,
zur Hälfte nur bekennen.
Doch wenn ich nicht erröten muß,
ob einem warmen Herzenskuß,
wenn nichts uns stört auf Erden –
(seufzt und legt die Hand auf die Brust)
Die Hoffnung schon erfüllt die Brust,
mit unaussprechlich süßer Lust;
wie glücklich will ich werden!
In Ruhe stiller Häuslichkeit
erwach’ ich jeden Morgen,
wir grüßen uns mit Zärtlichkeit,
der Fleiß verscheucht die Sorgen.
Und ist die Arbeit abgetan,
dann schleicht die holde Nacht heran,
dann ruh’n wir von Beschwerden.
Die Hoffnung schon erfüllt die Brust,
mit unaussprechlich süßer Lust;
wie glücklich will ich werden!

ROCCO (auftretend)
Guten Tag, Marzelline. Ist Fidelio noch nicht zurück?

MARZELLINE
Nein, Vater – Da ist er ja! Da ist er ja!
(Leonore tritt auf. Sie trägt ein dunkles Wams, ein
rotes Gilet, dunkles Beinkleid, kurze Stiefel, einen bre-
iten Gürtel aus schwarzem Leder mit einer kupfernen
Schnalle; ihre Haare sind in eine Netzhaube gesteckt.
Auf dem Rücken trägt sie ein Behältnis mit
Lebensmitteln, an den Armen Ketten, die sie beim
Eintreten an dem Stübchen des Pförtners ablegt; an
der Seite hängt ihr eine blecherne Büchse an einer
Schnur.)


ROCCO
Armer Fidelio, diesmal hast du zuviel dir aufgeladen.

No.2: Aria

MARZELLINE
Oh, were I now united with you,
and might call you Husband!
What it would mean, a maiden can
only half admit.
But when I do not have to blush
at a warm and heartfelt kiss,
when nothing on earth can disturb us –
(sighs and lays her hand on her breast)
Hope already fills my breast
with inexpressibly sweet delight:
how happy I shall be!
In the peace of quiet domesticity
I shall awake each morning,
we shall greet one another tenderly,
toil will banish care.
And when the work is finished,
then blessed night will creep on,
then we shall rest from our troubles.
Hope already fills my breast
with inexpressible sweet delight:
how happy I shall be!

ROCCO (entering)
Good day, Marzelline. Is Fidelio not back yet?

MARZELLINE
No, father – Ah yes, there he is!
(Leonore enters. She wears a dark doublet, a red waist-
coat, dark breeches, short boots, a broad belt of black
leather with a copper buckle; her hair is worn in a net
cap. On her back she carries a pannier with provisions,
in her arms are chains which, as she enters, she sets
down at the porter’s lodge; a metal tin on a cord hangs
at her side.)



ROCCO
Poor Fidelio, this time you have taken too much upon
yourself.

LEONORE
Ich muß gestehen, ich bin ein wenig ermüdet. Der
Schmied hatte an den Ketten so lange
auszubessern, daß ich glaubte, er würde nicht damit
fertig werden.

ROCCO
Sind sie jetzt gut gemacht?

LEONORE
Gewiß, recht gut und stark. Keiner der Gefangenen
wird sie zerbrechen.

ROCCO
Gut! Brav!
(beiseite)
Der Schelm gibt sich alle Mühe, offenbar meiner
Marzelline wegen.

LEONORE
Ich suche zu tun, was mir möglich ist.

ROCCO
Ja, ja, du bist brav. Man kann nicht eifriger, nicht ver-
ständiger sein. Ich habe dich aber auch mit jedem
Tage lieber; und sei versichert, dein Lohn soll auch
nicht ausbleiben.

LEONORE
O glaubt nicht, daß ich meine Schuldigkeit nur des
Lohnes wegen ...

ROCCO
Still! Meinst du, ich könne dir nicht ins Herz sehen?


LEONORE
I must admit I am a little tired. The blacksmith took so
long repairing the chains that I thought he would never
get them finished.


ROCCO
Are they well made now?

LEONORE
Certainly, very well and strongly. None of the prisoners
will be able to break them.

ROCCO
Good! Fine!
(aside)
The scamp takes all this trouble, obviously because of
Marzelline.

LEONORE
I try to do what I can.

ROCCO
Yes, yes, you are a good lad. No one could be more
hard-working, more sensible. I like you more and more
every day. And be assured your reward will not be
wanting.

LEONORE
Oh, do not think that I carry out my duties only for the
reward...

ROCCO
Hush! Do you imagine I cannot see into your heart?


Nr.3: Quartett

MARZELLINE (für sich)
Mir ist so wunderbar,
es engt das Herz mir ein;
er liebt mich, es ist klar,
ich werde glücklich sein!

LEONORE (für sich)
Wie groß ist die Gefahr,
wie schwach der Hoffnung Schein!
Sie liebt mich, es ist klar,
o namenlose Pein!

ROCCO (für sich)
Sie liebt ihn, es ist klar,
ja, Mädchen, er wird dein!
Ein gutes, junges Paar,
sie werden glücklich sein!

JAQUINO (für sich)
Mir sträubt sich schon das Haar,
der Vater willigt ein,
mir wird so wunderbar,
mir fällt kein Mittel ein!
(Er geht in seine Stube zurück.)

ROCCO
Höre, Fidelio, weißt du, was ich tue? Ich, ich, mache
dich zu meinem Tochtermann!
Nun, meine Kinder, ihr habt euch doch recht herzlich
lieb, nicht wahr? Aber das ist noch nicht alles, was
zu einer guten, vergnügten Haushaltung gehört; man
braucht auch ...
(Er macht die Gebärde des Geldzählens.)


No.3: Quartet

MARZELLINE (aside)
So strange I feel,
my heart is gripped;
he loves me, it is clear,
I shall be happy!

LEONORE (aside)
How great is the danger,
how weak the ray of hope!
She loves me, it is clear,
oh, nameless pain!

ROCCO (aside)
She loves him, it is clear;
yes, maiden, he will be yours!
A good young couple,
they will be happy!

JAQUINO (aside)
My hair stands on end,
the father is willing,
strange it is to me,
I see no way out!
(Jaquino returns to his lodge.)

ROCCO
Listen, Fidelio, do you know what I'll do? I, I'll make
you my son-in-law! Now, my children, you love one
another truly, don't you? But that isn't everything that
a good, contented household requires; you also
need...

(He mimes as if counting money.)


Nr.4: Arie

ROCCO
Hat man nicht auch Gold beineben,
kann man nicht ganz glücklich sein;
traurig schleppt sich fort das Leben,
mancher Kummer stellt sich ein.
Doch wenn’s in den Taschen fein klingelt und rollt,
da hält man das Schicksal gefangen,
und Macht und Liebe verschafft dir das Gold
und stillet das kühnste Verlangen.
Das Glück dient wie ein Knecht für Sold,
es ist ein schönes Ding, das Gold,
es ist ein goldnes Ding, das Gold.
Wenn sich Nichts mit Nichts verbindet,
ist und bleibt die Summe klein;
wer bei Tisch nur Liebe findet,
wird nach Tische hungrig sein.
Drum lächle der Zufall euch gnädig und hold,
und segne und lenk’ euer Streben;
das Liebchen im Arme, im Beutel das Gold,
so mögt ihr viel Jahre durchleben.
Das Glück dient wie ein Knecht für Sold,
es ist ein mächtig Ding, das Gold.

LEONORE
Ihr könnt das leicht sagen, Meister Rocco, aber ich,
ich behaupte, daß die Vereinigung zweier gleichges-
timmter Herzen die Quelle des wahren ehelichen
Glückes ist. O, dieses Glück muß der größte Schatz
auf Erden sein! Freilich gibt es noch etwas, das mir
nicht minder kostbar wäre, aber mit Kummer sehe
ich, daß ich es trotz aller meiner Bemühungen nicht
erhalten werde.

ROCCO
Und was wäre denn das?

LEONORE
Euer Vertrauen! Verzeiht mir diesen kleinen Vorwurf,
aber oft sehe ich Euch aus den unterirdischen
Gewölben dieses Schloßes ganz außer Atem und
ermattet zurückkommen. Warum erlaubt Ihr mir
nicht, Euch dahin zu begleiten? Es wäre mir so lieb,
wenn ich Euch bei Eurer Arbeit helfen und Eure
Beschwerden teilen könnte.

ROCCO
Du weißt doch, daß ich den strengsten Befehl habe,
niemanden, wer es auch sein möge, zu den

No.4: Aria

ROCCO
If you don’t have money too,
you cannot be really happy;
life drags sadly by,
many an anxiety sets in.
But when it clinks and rolls in your pockets,
fate is then your prisoner,
and money will bring you power and love
and satisfy your wildest dreams.
Luck, like a servant, works for wages;
it’s lovely thing, is money,
it’s a precious thing, is money.
If you add nothing to nothing
the total is and stays small;
if you find only love at meal times,
you’ll be hungry afterwards.
Then let fortune smile kindly upon you,
and bless and guide your efforts;
your sweetheart in your arms, money in your
purse,
so may you live many years.
Luck, like a servant, works for wages;
it’s a mighty thing, is money.

LEONORE
It is easy for you to say that, Master Rocco, but I, I
maintain that the union of two hearts that beat as one
is the source of true conjugal happiness. Oh, this hap-
piness must be the greatest treasure on earth! There
is indeed something else that would be no less pre-
cious to me, but with sorrow I see that despite all my
efforts I shall not achieve it.

ROCCO
And what is that?

LEONORE
Your trust. Forgive me this small reproach, but often I
see you return from the underground dungeons of this
castle quite out of breath and exhausted. Why do you
not allow me to accompany you there? It would so
please me if I could help you in your work and share
your hardships.


ROCCO
You surely know that I have the strictest orders to let
nobody, whoever it might be, in to the state prisoners.
Staatsgefangenen zu lassen. Auch gibt es ein
Gewölbe, in das ich dich wohl nie werde führen dür-
fen, obschon ich mich ganz auf dich verlassen kann.

MARZELLINE
Vermutlich, wo der Gefangene sitzt, von dem du
schon einigemale gesprochen hast.

ROCCO
Du hast’s erraten, Marzelline.

LEONORE
Ich glaube, es ist schon lange her, daß er gefangen ist?

ROCCO
Es ist schon über zwei Jahre.

LEONORE
Zwei Jahre, sagt Ihr? Er muß ein großer Verbrecher
sein!

ROCCO
Oder er muß große Feinde haben, das kommt unge-
fähr auf eins heraus. Nun, er wird mich nicht lange
mehr quälen. Es kann nicht mehr lange mit ihm
dauern.

LEONORE
Großer Gott!

MARZELLINE
Lieber Himmel! Wie hat er denn eine so schwere
Strafe verdient?

ROCCO
Seit einem Monat schon muß ich auf Pizarros Befehl
seine Portion kleiner machen. Jetzt hat er binnen
vierundzwanzig Stunden nicht mehr als zwei Unzen
schwarzes Brot und eine halbe Maß Wasser; kein
Licht, kein Stroh, nichts, nichts!

MARZELLINE
O lieber Vater, führe Fidelio ja nicht zu ihm! Diesen
Anblick könnte er nicht ertragen!

LEONORE
Warum denn nicht? Ich habe Mut und Kraft!

And there is one dungeon into which I may never take
you, although I can trust you completely.


MARZELLINE
You mean where that prisoner is of whom you have
several times spoken in the past?

ROCCO
You have guessed right, Marzelline.

LEONORE
I believe he has been in prison for a long time?

ROCCO
It is already over two years.

LEONORE
Two years, you say? He must be a great criminal!


ROCCO
Or he must have great enemies, that almost amounts
to the same. Well, he will not trouble me much longer.
He cannot last much longer.


LEONORE
Almighty God!

MARZELLINE
Dear heaven! How did he earn such heavy punish-
ment?

ROCCO
For the last month I've had orders from Pizarro to
reduce his rations. Now within twenty-four hours he
has no more than two ounces of black bread and half
a cup of water; no light, no straw, nothing, nothing!


MARZELLINE
O father dear, don't take Fidelio to him! He couldn't
bear the sight.

LEONORE
Why not? I have the courage and strength!


Nr.5: Terzett

ROCCO
Gut, Söhnchen, gut,
hab’ immer Mut,
dann wird’s dir auch gelingen;
das Herz wird hart
durch Gegenwart
bei fürchterlichen Dingen.

LEONORE
Ich habe Mut!
Mit kaltem Blut
will ich hinab mich wagen;
für hohen Lohn
kann Liebe schon
auch hohe Leiden tragen.

MARZELLINE
Dein gutes Herz
wird manchen Schmerz
in diesen Grüften leiden;
dann kehrt zurück
der Liebe Glück
und unnennbare Freuden.

ROCCO
Du wirst dein Glück ganz sicher bauen.

LEONORE
Ich hab’ auf Gott und Recht Vertrauen.

MARZELLINE
Du darfst mir auch in’s Auge schauen:
der Liebe Macht ist auch nicht klein.
Ja, ja, wir werden glücklich sein.

LEONORE
Ja, ja, ich kann noch glücklich sein.

ROCCO
Ja, ja, ihr werdet glücklich sein.
Der Gouverneur ...
der Gouverneur soll heut’ erlauben,
daß du mit mir die Arbeit teilst.

LEONORE
Du wirst mir alle Ruhe rauben,
wenn du auch nur bis morgen weilst.


No.5: Trio

ROCCO
Good, my son, good,
keep up your courage,
then you will achieve your ends;
your heart will harden
in the presence
of terrible things.

LEONORE
I have the courage!
In cold blood
I will dare to go down there;
for great reward
love can
bear even great suffering.

MARZELLINE
Your kind heart
will suffer many a pain
in these dungeons;
then will return
love’s happiness,
and inexpressible joys.

ROCCO
You will build your happiness securely.

LEONORE
I trust in God and Right.

MARZELLINE
Look into my eyes too;
the power of Love is not small either.
Yes, yes, we will be happy.

LEONORE
Yes, yes, I can still be happy.

ROCCO
Yes, yes, I can still be happy.
The governor...
the governor must today allow
you to share my work.

LEONORE
You will rob me of all peace
if you delay even till tomorrow.

MARZELLINE
Ja, guter Vater, bitt’ ihn heute,
in kurzem sind wir dann ein Paar.

ROCCO
Ich bin ja bald des Grabes Beute,
ich brauche Hülf’, es ist ja wahr.

LEONORE (für sich)
Wie lang’ bin ich des Kummers Beute!
Du, Hoffnung, reichst mir Labung dar.

MARZELLINE
Ach, lieber Vater, was fällt euch ein?
Lang Freund und Rater müßt ihr uns sein.

ROCCO
Nur auf der Hut, dann geht es gut,
gestillt wird euer Sehnen.

MARZELLINE
O habe Mut, o welche Glut!
O welch ein tiefes Sehnen!

LEONORE
Ihr seid so gut, ihr macht mir Mut,
gestillt wird bald mein Sehnen!

ROCCO
Gebt euch die Hand und schließt das Band
in süßen Freudentränen.

LEONORE (für sich)
Ich gab die Hand zum süßen Band,
es kostet bitt’re Tränen.

MARZELLINE
Ein festes Band mit Herz und Hand!
O süße, süße Tränen! usw.

MARZELLINE
Yes, dear father, ask him today,
then we shall soon be a pair.

ROCCO
I shall soon be prey for the grave,
I need help, it is true.

LEONORE (aside)
How long I’ve been the prey of grief!
You, Hope, give me solace.

MARZELLINE
Ah, father dear, what are you thinking of?
Long must you be our friend and guide.

ROCCO
Be on your guard, then all is well,
your longing will be stilled.

MARZELLINE
Oh, have courage, o what fire!
O what a deep longing!

LEONORE
You are so good, you give me courage,
my longing will soon be stilled!

ROCCO
Take hands and plight your troth
in tears of sweet joy.

LEONORE (aside)
I gave my hand in sweet troth,
it costs bitter tears.

MARZELLINE
A firm troth with heart and hand!
O sweet, sweet tears!


Nr. 6: Marsch

(Während des zuvor begonnenen Marsches wird das
Haupttor durch Schildwachen von außen geöffnet.
Offiziere ziehen mit einem Detachement ein, dann
kommt Pizarro, das Tor wird geschlossen.)


PIZARRO
Wo sind die Depeschen?

ROCCO
Hier.

PIZARRO
Was sehe ich? Mich dünkt, ich kenne diese Schrift.
Laß sehen!
„Ich gebe Ihnen Nachricht, daß der Minister in
Erfahrung gebracht hat, daß die Staatsgefängnisse,
denen Sie vorstehen, mehrere Opfer willkürlicher
Gewalt enthalten. Er reist morgen ab, um Sie mit
einer Untersuchung zu überraschen. Seien Sie auf
Ihrer Hut und suchen Sie sich sicherzustellen.“
Gott, wenn er entdeckte, daß ich diesen Florestan in
Ketten liegen habe, den er längst tot glaubt, der so
oft meine Rache reizte! Doch es gibt ein Mittel! Eine
kühne Tat kann alle Besorgnisse zerstreuen!


No.6: March

(During this march the main gate is opened by sentries
outside. Officers and a platoon enter, followed by
Pizarro; the gate is closed behind them.)



PIZARRO
Where are the dispatches?

ROCCO
Here.

PIZARRO
What do I see? Methinks I know this hand.
Let me see!
"I give you information that the Minister has been
apprised that the state prisons under your command
contain several victims of arbitrary force. He leaves
tomorrow to surprise you with an inspection. Take
care, and try to safeguard yourself."
God, if he discovered that I hold this Florestan, whom
he believes long dead, in chains, he, who so often pro-
voked my vengeance! But there is a way! One bold
deed can dispel all fears!



Nr.7: Arie mit Chor

PIZARRO
Ha! Welch’ ein Augenblick!
Die Rache werd’ ich kühlen,
dich rufet dein Geschick!
In seinem Herzen wühlen,
o Wonne, großes Glück!
Schon war ich nah’ im Staube,
dem lauten Spott zum Raube,
dahin gestreckt zu sein.
Nun ist es mir geworden,
den Mörder selbst zu morden.
In seiner letzten Stunde,
den Stahl in seiner Wunde,
ihm noch ins Ohr zu schrei’n:
„Triumph! Der Sieg ist mein!“

DIE WACHE (halblaut unter sich)
Er spricht von Tod und Wunde!
Nun fort auf uns’re Runde!
Wie wichtig muß es sein!

PIZARRO
Ha! Welch ein Augenblick!
Die Rache werd’ ich kühlen,
ha! Nun ist es mir geworden,
den Mörder selbst zu morden!

CHOR
Er spricht von Tod und Wunde!
Wacht scharf auf eurer Runde!
Wie wichtig muß es sein!

PIZARRO
Ha! Welch ein Augenblick!
Die Rache werd’ ich kühlen,
dich rufet dein Geschick!
Triumph! Der Sieg ist mein!
Hauptmann, besteigen Sie mit einem Trompeter
sogleich den Turm. Sehen Sie mit der größten
Achtsamkeit auf die Straße von Sevilla. Sobald Sie
einen Wagen von Reitern begleitet sehen, lassen Sie
augenblicklich durch den Trompeter ein Signal geben.
Verstehen Sie? Augenblicklich! Ich erwarte die größte
Pünktlichkeit! Sie haften mir mit ihrem Kopf dafür. Rocco!

ROCCO
Herr!

No.7: Aria with Chorus

PIZARRO
Ha! What a moment!
I shall satisfy my vengeance!
Your fate calls you!
To plunge in his heart,
o bliss, great joy!
Once I was nearly in the dust,
a prey to open mockery,
to be laid low;
now it is my turn
to murder the murderer myself.
In his last hour,
the steel in his wound,
to scream in his ear:
“Triumph! Victory is mine!”

SENTRIES’ CHORUS (under their breath)
He speaks of death and wounds!
Off, now, on our rounds!
How important it must be!

PIZARRO
Ha! What a moment!
I shall satisfy my vengeance!
Ha! Now it is my turn
to murder the murderer myself!

CHORUS
He speaks of death and wounds!
Keep sharp watch on your rounds!
How important it must be!

PIZARRO
Ha! What a moment!
I shall satisfy my vengeance!
Your fate calls you!
Triumph! Victory is mine!
Captain, mount the tower at once with a trumpeter.
Watch the Seville road with the greatest attention. As
soon as you see a coach with outriders, order the
trumpeter instantly to give a signal. Do you under-
stand? Instantly! I expect the utmost punctuality! You
answer for it with your head. Rocco!


ROCCO
Sir!
libretto by Joseph Sonnleithner, Stephan von Breuning, Georg Friedrich Treitschke libretto by William Mann
🎼

Continue reading the full translation

Create a free account to read the complete side-by-side translation.

Register free
Already have an account? Log in